Steinerhof
Familie Kaufmann
SB
Bazulstraße 26
6710 Nenzing
+43 664 567 36 08

Wo eine Kartoffel zum echten Schlager wird
Der Steinerhof in Nenzing war viele Jahre ein Milchvieh-Betrieb. Nach dem plötzlichen Tod von Hofbesitzer Lothar Kaufmann musste die Landwirtschaft völlig neu ausgerichtet werden. Sohn Gerhard baut nun neben Mais auch Kartoffeln an. Und punktet unter anderem mit einer besonderen Sorte.
Man muss schon ein etwas älteres Semester sein, um sich an Udo Jürgens Gassenhauer „Anuschka“ zu erinnern. Der große österreichische Künstler schrieb den Schlager – in dem es um eine unerfüllte Liebe geht – im Jahr 1969. Wesentlich jünger ist da jene „Anuschka“, die Gerhard Kaufmann gerade in seinen Händen hält. Nein, keine Frau, es handelt sich um eine Frühkartoffelsorte, die der Kartoffelproduzent in diesem Jahr zum ersten Mal erntete. Die vorwiegend festkochende, gelbschalige Knolle hat eine schöne Form, eine glatte Schale und ist ausgezeichnet im Geschmack. Wer sie einmal probiert hat, kann dem nur zustimmend beipflichten. Auf den Markt kam sie im Jahr 2003 und wird nun auch auf Feldern in Nenzing angebaut. Freilich setzt Kaufmann noch auf andere Sorten wie die bekannte „Ditta“, die mehlige „Agria“ oder die speckige „Valdivia“.
Kartoffeln sind ein Nischenprodukt
Generell spielt der Kartoffel-Anbau in Vorarlberg eine untergeordnete Rolle. Weniger als ein Prozent aller in Österreich produzierten Erdäpfel stammen aus dem Ländle, um so mehr werden sie deshalb auch geschätzt. „Sie sind ein Nischenprodukt, in dem viel Liebe und Leidenschaft steckt“, bringt es der Nebenerwerbslandwirt auf den Punkt. Lobenswert ist für ihn auch der Zusammenhalt unter den Anbauern im Walgau. Man unterstützt sich und lernt voneinander.
Hauptberuflich ist Gerhard Kaufmann bei der Firma Liebherr in der Entwicklung beschäftigt. Ein schwerer Schicksalsschlag – sein Vater Lothar starb im März 2025 völlig überraschend – führte ihn (wieder) in die Landwirtschaft. „Wir mussten den Hof völlig neu aufstellen, da es für mich und meine Mutter Rosa unmöglich gewesen wäre, den Milchviehbetrieb aufrechtzuerhalten“, erinnert er sich an die schwierige Zeit zurück. Der Tod des Vaters hinterließ eine riesige Lücke. Vor allem menschlich, aber auch was die wirtschaftliche Zukunft des Hofs betraf. Mit dem Verkauf der Kühe und der Intensivierung des Ackerbaus wurde eine Lösung gefunden, die sowohl für seine Mutter, die nun den Steinerhof betreut, als auch für Gerhard kompatibel ist. „Der Kartoffel- und Maisanbau verschafft uns wesentlich mehr Flexibilität als ein Milchbetrieb.“ Dennoch war die Umstellung ein großer Schritt, den Kaufmann wie einen Umstieg vom Motorrad aufs Auto bezeichnet. Er selbst wohnt mit seiner Partnerin Klaudia Gmeiner, die hauptberuflich bei der Firma Wälderbau in Schwarzenberg beschäftigt ist, nur unweit des Hofes. Auch sie ist in die landwirtschaftliche Arbeit miteingebunden. Ein echtes Team, das sich da gefunden hat.
Kartoffelanbau hat Potenzial
Nur gut, dass der Kartoffelanbau seit jeher eine gewisse Rolle am Steinerhof spielte. Gerhard war von klein auf dabei, sodass er doch auf ein gewisses Knowhow zurückgreifen kann. Als einer, der bei der Firma Liebherr für die Maschinen-Gesundheit zuständig ist, blickt er auch in der Landwirtschaft voraus. Die sich zunehmend verändernden klimatischen Bedingungen, aber auch anders werdende Konsumgewohnheiten sorgen zwangsläufig für eine Transformation. Kaufmann nennt als Beispiel die Winzerbetriebe im Süden und Osten von Österreichs, die sich vermehrt neu aufstellen. Das wird auch in anderen Agrarbereichen passieren. „Die Winzer fungieren dabei durchaus als Ideengeber.“ Was den Kartoffelanbau betrifft, sieht er generell viel Potenzial, weil auf einer relativ geringen Fläche hohe Erträge erzielt werden können. Besonders die fruchtbaren Ackerböden im Walgau sind dafür prädestiniert. Auch beim Wasserverbrauch gelten Kartoffeln als vergleichsweise effizient. „Es sollte weder zu trocken noch zu nass sein. Am liebsten mögen sie es, wenn die Erde leicht feucht ist.“
In Österreich werden jährlich pro Kopf rund 54 Kilogramm Kartoffeln verzehrt. Das liegt unter dem EU-Durchschnitt von 61 Kilogramm. Spitzenreiter in der EU ist übrigens Polen mit rund 94 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Es gibt also noch jede Menge Luft nach oben. Am Steinerhof werden insgesamt sieben Hektar Fläche bewirtschaftet, und auf rund einem Hektar davon Kartoffeln angebaut. Das zertifizierte Saatgut dafür wird aus Österreich bezogen, um Qualität und Regionalität sicherzustellen. Gerhard Kaufmann setzt auf integrierten Pflanzenschutz und hält die Fruchtfolge ein, damit die Böden möglichst geschont werden.
Mit „Silberner Kartoffel“ ausgezeichnet
Für Gerhard steht die Qualität neben der Regionalität im Vordergrund. Um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, machte er beim Wettbewerb um den „Goldenen Erdapfel“ der Interessengemeinschaft Erdäpfelbau (IGE) in Niederösterreich mit. Ein „Match“, bei dem sich der kleine Vorarlberger Betrieb mit dem Osten Österreichs maß. 145 Proben wurden eingereicht. Umso größer waren die Überraschung und die Freude über den zweiten Platz, den er mit der Sorte „Agria“ belegte. Bewertet wurden unter anderem Aussehen, Konsistenz, Geschmack und Kocheigenschaften. Eine schöne Bestätigung, dass Ländle Kartoffeln zu den besten zählen. Kaufmann geht es auch um die Wertigkeit des Produktes. Es gilt sich von den Großproduzenten abzuheben und vor allem seine eigenen Vermarktungsstrategien zu finden. „Das Ländle Marketing ist da wirklich eine große Hilfe, das Regionale wird hervorgehoben und zur Marke gemacht.“ Auch Gastronomiebetriebe und die Sozialzentren Nenzing und Bürs sind regelmäßige Abnehmer. Seinen Teil will der Nenzinger dazu beitragen, indem er den Ab-Hof-Verkauf ausbaut. Der geplante Hofladen wird voraussichtlich ab September geöffnet haben.
Allein schon seines Berufs wegen ist es Gerhard Kaufmann gewohnt, akribisch genau zu arbeiten. Den Kartoffelanbau bezeichnet er als eine Tüftlerei, die in gewisser Weise auch ein Glücksspiel mit der Natur sei. „Da die Knollen unter der Erde wachsen und von dort aus geerntet werden, sieht man das Ergebnis erst am Ende des Lieds.“ Apropos Lied: „Was lange währt, wird endlich gut“, heißt eine Textzeile in Udo Jürgens „Anuschka“. So oder so, scheint dieser Name für einen echten Schlager zu stehen.
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