
Fleißige Helferinnen auf der Alpe
Andreas Burtscher hat sich vor 13 Jahren für die Haltung der seltenen und vom Aussterben bedrohten Pinzgauer-Ziege entschieden. Den Spätfrühling und Sommer verbringen die Tiere auf dem Maisäß bzw. auf der Gaßner-Alp oberhalb von St. Gerold. Dort leisten sie ganz besondere Dienste, die einen großen Nutzen für die Dorfbewohner haben.
Die riesigen Hörner von Ziegenbock Herbert hat Andreas Burtscher beim Treppenaufgang in seinem Wohnhaus befestigt. Als beständige Erinnerung an eine tierisch-menschliche Beziehung, die so fest in seinem Gedächtnis verankert bleibt. „Er war einfach ein Superbock“, hat der 57-Jährige auch in seinem Mobiltelefon noch Fotos von „Herbert“ gespeichert. Doch wie in der Landwirtschaft gibt es auch im Leben für alles einen Zeitpunkt. So war der Tod von Vater Ludwig Burtscher im Jahr 2013 ein tiefer Einschnitt, was Sohn Andreas bewegte, den bäuerlichen Betrieb in St. Gerold auf Ziegenhaltung umzustellen. Seit damals lässt ihn die Leidenschaft für diese multifunktionalen Tiere nicht mehr los. Wenn er über seine Tiere spricht, wird das Funkeln in den Augen sichtbar, ist er ganz in seinem Element.
„Ich habe mich bewusst für eine alte, vom Aussterben bedrohte Rasse entschieden.“ Seine Wahl fiel auf Pinzgauer-Ziegen, die für ihre Robustheit und Gebirgstauglichkeit bekannt sind und die sich ideal in die ruppige, steil aufragende Landschaft des Großen Walsertales einfügen. Was vielen nicht bewusst ist, erklärt Andreas Burtscher mit einem Satz. „Ohne Landschaftspflege, bei der die Ziegen einen wesentlichen Anteil leisten, könnten wir hier oben gar nicht leben.“ In den schwer zugänglichen Gebieten wäre ohne die flauschigen Alpenhelfer ein Freihalten der Flächen nur sehr schwer möglich. Die Vegetation auf 1600 Meter Seehöhe und darüber ist rau und wild. Wird der Natur freier Lauf gelassen, sammelt sich immer mehr Gebüsch und Gestrüpp an. Die Folge ist, dass durch die Verbuschung und Verklausung der Schnee bzw. Wasser und Geröll unkontrolliert Richtung Tal abrutschen.
Die Ziegen fressen sich durch
Dort, wo die Alpenhelferinnen im Einsatz sind, kommen wegen der Steilheit die Rinder gar nicht hin. Die Ziegen leisten dabei die Vorarbeit, indem sie sich durch die Stauden und Blätter fressen. Zudem schmecken ihnen auch Pflanzen, die Kühe und Schafe stehen lassen. Insgesamt 130 Geißen und 30 Schafe erledigen im Areal der Gaßner-Alpe ihren Dienst. Selbst die Kehren der Serpentinen, die auf die Alp heraufführen, werden durch die Ziegen abgeweidet. „Ansonsten würde es immer wieder größere Schäden an der Straße geben“, erklärt Andreas Burtscher.
In das Projekt eingebunden sind insgesamt acht Bauern, die nicht nur ihre Tiere zur Verfügung stellen, sondern auch selbst kräftig anpacken. „Wir haben dieses Jahr auf etwa 10,5 Hektar Stauden weggebracht und versehen das ganze Gebiet auch mit einem Herdenschutzzaun.“ Nach getaner Arbeit sind die Kühe und Rinder an der Reihe. Nun können sie sich an den Wiesen sattfressen und für schön gepflegte Weideflächen sorgen. Auf der Alp wiederum wird die Milch zu Käse und weiteren Produkten verarbeitet. Für die Beteiligten eine wichtige Einnahmequelle, die sicherstellt, dass Alpwirtschaft verbunden mit Landschaftspflege weiterhin betrieben werden kann. So konnte Andreas Burtscher mit seinen kastanienbraunen Ziegen und in Zusammenarbeit mit weiteren Landwirten neue Wege einschlagen, um das Dorf vor Lawinen und Muren zu schützen.
Die Zuchtkriterien sind streng
Er erinnert sich noch an die schneereichen Winter in seiner Kindheit. Da die Lawinengefahr mitunter groß war, wurde der Schulweg in der kalten Jahreszeit immer wieder mal gesperrt. „Es war so arg, dass ich manchmal 14 Tage nicht in die Schule gehen konnte.“ Später absolvierte er dann eine Lehre als Koch, arbeitete in der Gastronomie und stieg dann mit seinem Vater in die Landwirtschaft ein. Heute möchte er seine Ziegen nicht mehr missen. Fein säuberlich hat er auf einer Liste die Namen seiner 22 Geißen aufgeschrieben. Angefangen von der 13-jährigen Saskia bis hin zu den Jung-Ziegen Cäcilia und Mina, die am 10. Mai 2025 das Licht der Welt erblickten. Auch der Name der jeweiligen Mutter ist auf dem Blatt, das Andreas Burtscher im 170 Quadratmeter großen Stall stets griffbereit hat, festgehalten. Die Zuchtkriterien sind streng, handelt es sich doch um eine seltene Rasse, die ihren Ursprung in der Salzburger Region Pinzgau hat. Als die Rasse gänzlich vom Aussterben bedroht war, begann der Priester, Bergbauer und Professor Ambros Aichhorn Ende der 1970er-Jahre, die Restbestände zu suchen und zu schützen. Die Zucht wurde wieder aufgenommen, wobei genau vorgeschrieben wird, welche Ziege von welchem Bock gedeckt werden darf.
Geschätzt wird „die Pinzgauer“ als Drei-Nutzungs-Rasse wegen ihrer Milch, ihres Fleisches und auch wegen ihrer Fähigkeiten in der Landschaftspflege. Sie ist also eine echte Allzweck-Ziege. Das fett- und cholesterinarme Ländle Kitzfleisch gilt als sehr bekömmlich und kommt vielfach auch in der Diätküche zum Einsatz. Es zeichnet sich durch einen hohen Gehalt an Kalium, Magnesium, Eisen, Zink, allen B-Vitaminen und Vitamin A sowie ein ausgewogenes Fettsäureverhältnis aus.
Große Leidenschaft & Verantwortung
„Für mich ist die Ziegenhaltung eine große Leidenschaft und auch Verantwortung gleichermaßen“, sagt Andreas Burtscher, der mit seinen beiden Boarder-Collies Ella und Aiko zwei Verbündete gefunden hat. „Ohne Hunde könnte ich das gar nicht machen“, ist das vierbeinige Duo stets an seiner Seite. Auch die Eigenheiten seiner hornigen Tiere kennt er mittlerweile haargenau. Wie typisch in der Fauna, gibt es auch unter den Zicken eine Rangordnung und ein Leittier, das gerne mal laut meckernd das Kommando übernimmt. „Die bestimmt dann auch, wohin es geht“, sagt er mit einem Lächeln. Da er gleich neben der Schule und dem Kindergarten wohnt, werfen Kinder immer wieder mal neugierige Blicke in den Stall, um nach den Zicklein zu sehen. „Manchmal nehme ich auch eines unter den Arm und sie dürfen es streicheln. Das ist ein tolles Erlebnis für die Kleinen“, erzählt er.
Eine erfolgreiche US-Komödie aus dem Jahr 2004 mit Starbesetzung trug den eigenartigen Filmtitel „Männer, die auf Ziegen starren“. Bei Andreas Burtscher ist es aber vielmehr ein faszinierter Blick auf die edlen zotteligen Tiere, die sein Leben verändert haben. Wie beispielsweise jener Blick, den er beim Verlassen seines Hauses auf die Hörner von Herbert wirft. „Vielleicht fange ich ja wieder selbst zum Züchten an.“ Irgendwie hat er ganz viel Bock darauf. Na dann, gstocha, Bock!
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