„Ich hoffe, dass die Menschen unsere Arbeit schätzen“
Lothar und Margit Sieber lieben das Alpleben. Seit 1995 bewirtschaften sie die Alpe Oberlose am Bödele. Jeden Tag wird Käse produziert und auch Ländle Alpschweine werden gehalten. Die größte Anerkennung für die Familie ist, wenn ihre Produkte auch gekauft und konsumiert werden.
Vom Parkplatz am Bödele liegt die Alpe Oberlose lediglich zehn Minuten zu Fuß entfernt. Ein Schotterweg, gesäumt von Ferienhäusern, führt direkt auf 1.200 Meter hinauf. Als Orientierungshilfe dient die Gaststube Meierei, die gleich danebenliegt. Lothar Sieber kennt diesen Weg ohnehin haargenau, fast wie ein Navigationssystem. Schließlich verbringt er seit 30 Jahren mit der Familie die Sommermonate auf dieser Alp. Der Weg ist stark frequentiert. Immer wieder kommen Wanderinnen und Wanderer vorbei, grüßen kurz und marschieren weiter. So manche bleiben beim Rückweg am SB-Automaten stehen, um sich mit frisch auf der Alp hergestellten Produkten einzudecken.
Obwohl das Alpleben mit harter Arbeit verbunden ist, möchte der Landwirt die alljährliche Saison, die von Anfang Mai bis in den September dauert, nicht missen. „Es ist der Rhythmus der Natur, der vieles vorgibt und dem man sich anpassen muss“, hat der Schwarzenberger, der selbst einen Hof betreibt, in den drei Jahrzehnten das Leben auf der Alpe schätzen gelernt. Kümmern muss er sich um 57 Kühe, ein paar Ziegen und um 34 Schweine, die als Ferkel auf die Alp kommen. Mindestens 70 Tage verbringen sie als Ländle Alpschwein hier oben. Ihr Fleisch ist begehrt und anders als die meisten ihrer Artgenossinnen verbringen die Tiere ihr rund ein halbes Jahr dauerndes Leben ganz ohne Stress. Statt eng zusammengepfercht zu sein, bewegen sie sich frei und können auch ins Freie laufen.
Molke für die Ländle Alpschweine
Bei unserem Besuch auf der Alp fallen vom Himmel ein paar Regentropfen. Grund genug, dass die Borstentiere lieber im Stall bleiben. Sieber nutzt die Zeit, um die hungrigen Mäuler mit frischer Molke zu versorgen. Dreimal am Tag ist Fütterung. Aus einem Schlauch fließt die leckere Flüssigkeit direkt in die Tröge und die Schweine können es kaum erwarten, ihre Rüssel gierig hineinzustecken. Angereichert wird sie mit effektiven Mikroorganismen, Getreide und zertifiziertem Kraftfutter, da die Molke nur zu vier Prozent aus festen Stoffen besteht. Es wird genau darauf geachtet, dass die Schweine ein nährstoffreiches Futter erhalten, das sie gesund bis zur Schlachtreife im Herbst aufwachsen lässt. Das Ländle Alpschwein hat in Vorarlberg eigentlich eine lange Tradition. Früher war es in den Alpsennereien üblich, Schweine zu halten, da dadurch die bei der Käseerzeugung anfallende Molke eine ideale Verwertung fand und man sie nicht mühsam ins Dorf tragen musste. Die alpine Schweinezucht soll bereits um 15 v. Chr. gemeinsam mit der Entstehung der ersten Alpkäserei auf der Sennalpe im Bregenzerwald – geführt von Römern – begonnen haben. Mittlerweile sind es ausgewählte Betriebe, die beim Ländle Alpschwein Programm mitmachen. Lothar Sieber führt einen davon.
Mit Leidenschaft Landwirt
Einen anderen Beruf als die Landwirtschaft hat sich Lothar nie richtig vorstellen können. Auch seiner Frau Margit, eine gelernte Krankenschwester, geht es so. Das Land- und Alpleben ist für sie ebenso zur Normalität geworden. Auf der Alp wird das Ehepaar, das vier Kinder großzog und mittlerweile bereits sechs Enkel hat, von Praktikant:innen unterstützt. Mit Sohn Anton steht bereits die nächste Generation in den Startlöchern. „Er will die Landwirtschaft einmal übernehmen“, erzählt Lothar. Die Eltern haben die Gene für das Bauernleben weitergegeben.
Den Käse, drei Laibe pro Tag, produziert Lothar Sieber selbst. Daneben gilt es noch, die 40 Hektar große Weidefläche zu bewirtschaften. Schließlich führt der Lank, der die Grenze zwischen Dornbirn und Schwarzenberg markiert, bis auf 1370 Meter hinauf. Es war der Textilfabrikant Otto Hämmerle, der vor über hundert Jahren das einstige Vorsäß zu einer Musteralpe umbauen ließ. Gleich daneben wurde auch die Meierei neu errichtet, in der heute noch der Alpkäse produziert wird und die eine willkommene Einkehrgelegenheit für die Wanderer ist. Es war und ist ein stetes Kommen und Gehen der Wanderer, in dem die Familie Sieber wie ein Fels in der Brandung seit nunmehr gut drei Jahrzehnten steht. Grundsätzlich hat sich in dieser Zeit nicht viel verändert, aber trotzdem ist jede Saison unterschiedlich. „Die Natur ist ohnehin immer anders, da kann man kein Jahr mit dem anderen vergleichen“, weiß Lothar Sieber. „Man weiß am Morgen nie, was ist.“ Los geht es um fünf Uhr in der Früh und zumeist enden die Tage nicht vor 20 Uhr. Im Sommer wird praktisch um die hundert Tage durchgearbeitet. Was sich die Familie am meisten wünscht, ist, dass die Arbeit auch anerkannt wird. „Eine Alpwirtschaft kann nur weiter bestehen, wenn unsere Produkte auch konsumiert werden.“ Dabei setzt sie auch auf Direktvermarktung.
Vegetationsbeginn drei Wochen früher
Da die Alpsaison durch den Klimawandel in der Regel drei Wochen früher beginnt, muss sich das Landwirtschafts-Paar auch daran anpassen. „Wenn man den Vegetationsbeginn versäumt, ist das Futter nicht mehr gut.“ Deshalb geht es jetzt meist schon Anfang Mai auf die Alp. Im Gebiet rund um das Bödele herrscht ohnehin das ganze Jahr ein reger Betrieb. Sind es von Frühjahr bis Herbst die Wanderer, kommen im Winter die Skisportler:innen in eines der beliebtesten Ausflugsziele Vorarlbergs. Lothar Sieber, der die restliche Zeit seinen Hof in Schwarzenberg bewirtschaftet, schaut auch in der kalten Jahreszeit immer wieder auf der Alp nach dem Rechten. Zum Wandern bleibt ihm aber keine Zeit.